Auf der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca breiten sich derzeit ganze Kolonien verwilderter Haushühner aus – nicht nur auf dem Land, sondern mitten in Ortschaften, an Kreisverkehren, auf Parkplätzen und in Wohngebieten, wie mallorcamagazin.com zuerst berichtet hatte. Was zunächst kurios klingt, ist inzwischen ein ernstzunehmendes Phänomen.
Vom Hinterhof in die Freiheit
Der Ursprung ist wenig romantisch: Viele Tiere stammen aus ehemaligen Kleinbetrieben oder privaten Haltungen. Mit dem Strukturwandel verschwanden Höfe – die Hühner blieben. Ausgesetzte oder zurückgelassene Tiere vermehrten sich, passten sich an und bildeten stabile Populationen.
Hühner sind deutlich robuster und anpassungsfähiger, als man ihnen oft zutraut. Sie finden Nahrung in Grünanlagen, schlafen in Bäumen und kommen mit dem milden Mittelmeerklima bestens zurecht. Natürliche Feinde sind in urbanen Räumen kaum vorhanden – beste Voraussetzungen also für eine rasche Verbreitung.
Schätzungen zufolge sind mittlerweile rund 90 Prozent der Gemeinden auf den Balearen betroffen.
Leben zwischen Kreisverkehr und Palmenbaum
Wer glaubt, Hühner seien reine Bodentiere, wird auf Mallorca eines Besseren belehrt. Viele der verwilderten Tiere suchen nachts Schutz in mehreren Metern Höhe. Dieses Verhalten erinnert stark an ihren wilden Vorfahren, das Bankivahuhn – jenes südostasiatische Wildhuhn, von dem unser Haushuhn abstammt.
Tatsächlich zeigen sich bei den freilebenden Populationen interessante Veränderungen:
- schlankerer Körperbau
- bessere Flugfähigkeit
- vorsichtigeres Verhalten
- stärkere Orientierung an natürlichen Brutzyklen
Man könnte fast von einem kleinen Evolutions-Experiment unter freiem Himmel sprechen.
Wo es idyllisch wirkt, entstehen Konflikte
So sympathisch frei laufende Hühner wirken mögen – im Alltag sorgen sie auch für Probleme.
Verkehrsrisiko:
Immer wieder kommt es zu gefährlichen Situationen auf Straßen.
Lärmbelästigung:
Krähen Hähne frühmorgens mitten im Wohngebiet, sorgt das nicht überall für Begeisterung.
Tiergesundheit:
Unkontrollierte Populationen können als Überträger von Geflügelkrankheiten auftreten – insbesondere, wenn sie Kontakt zu privaten Haltungen haben.
Die Behörden stehen damit vor einer schwierigen Frage: Dulden, regulieren oder umsiedeln?
Was wir als Hühnerhalter daraus lernen können
Für uns als verantwortungsbewusste Halter ist die Entwicklung auf Mallorca vor allem ein Denkanstoß.
1. Verantwortung endet nicht am Gartentor
Hühner sind keine Wegwerf-Tiere. Wer Tiere anschafft, übernimmt langfristig Verantwortung.
2. Hühner sind anpassungsfähiger als gedacht
Das urbane Leben zeigt, wie viel „Wildtier“ noch im Haushuhn steckt.
3. Unkontrollierte Vermehrung ist kein Randthema
Ohne Management entstehen schnell stabile Populationen – mit allen ökologischen und gesellschaftlichen Folgen.
Die wilden Hühner Mallorcas sind mehr als eine skurrile Urlaubsgeschichte. Sie zeigen eindrucksvoll, wie eng Mensch, Tierhaltung und Umwelt miteinander verbunden sind.
Hühner sind robuste, kluge und anpassungsfähige Tiere – aber sie brauchen Verantwortung.
Und vielleicht erinnert uns das Geschehen im Mittelmeerraum daran, dass jedes Huhn im heimischen Garten nicht nur Eier legt, sondern Teil eines größeren Ganzen ist.






Ein Gedanke zu „Wilde Hühner erobern Mallorca – was hinter dem Boom steckt“